Umweltfeuerwehr

ABC-Zug des Landkreises Northeim feiert das 35. Dienstjubiläum des Dekontaminationsmehrzweckfahrzeuges (DMF)

Ältestes Feuerwehrfahrzeug der Kreisfeuerwehr Northeim im aktiven Einsatzdienst


Autor

Lennart Lohrenz

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Wenn der 3. Zug (ABC-Zug) der Umweltfeuerwehr des Landkreises Northeim zu einem Einsatz ausrückt oder auf der Umweltwache in Northeim besichtigt wird, fällt dem aufmerksamen Beobachter sofort etwas auf: Unter den Fahrzeugen befindet sich ein ganz besonderes Einsatzfahrzeug, ein echter Klassiker, den man eher in einem Museum für LKW-Oldtimer vermuten würde, als im aktiven Einsatzdienst der Feuerwehr. Gemeint ist das Dekontaminationsmehrzweckfahrzeug (DMF). Als das Fahrzeug im Jahr 1978 gebaut und in Dienst gestellt wurde, war es ein Fahrzeug des Zivilschutzes der Bundesrepublik Deutschland, welches speziell für den Verteidigungsfall konzipiert wurde. Der Sinn und Zweck des Fahrzeuges bestand ursprünglich in der Dekontamination (= Reinigung / Entgiftung) von Personen und Flächen nach einem Angriff mit atomaren, biologischen oder chemischen (ABC) (Kampf-) Stoffen auf die Bundesrepublik. Nachdem zum Ende der 1980er Jahre der ehemalige Ostblock zusammengebrochen ist und dadurch Anfang der 1990er Jahre auch der kalte Krieg beendet war, verschwand auch die akute Bedrohung von Angriffen auf die BRD mit ABC-Waffen.

Was nicht verschwand, war die Bedeutung der ABC-Züge in Deutschland. Ganz im Gegenteil. Spätestens durch die Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 in Tschernobyl war klar, dass die ABC-Züge in Deutschland einen wichtigen Beitrag zum Schutz der deutschen Bevölkerung leisten und dies auch in Zukunft müssen. Nach diesem Ereignis wurde auch die Feuerwehrbereitschaft 4 des Landkreises Northeim gegründet, heute im Umgangston auch als „Umweltfeuerwehr“ bekannt. Hinzu kam, dass sich in der modernen Industrie und im Transportwesen immer öfter Unfälle ereigneten, bei denen radioaktive, biologische und chemische Stoffe freigesetzt wurden. Dies ist bis heute so. Aus diesem Grund ist dem ABC-Zug im Landkreis Northeim, dem heutigen 3. Zug der Umweltfeuerwehr, das DMF bis heute erhalten geblieben. Über die Jahre wurde dessen Beladung so angepasst und verändert bzw. umgerüstet, dass auf das DMF im Landkreis Northeim bei den heutigen, hoch komplexen Einsatzsituationen mit gefährlichen Stoffen und Gütern, zur unumgänglichen Dekontamination nicht mehr verzichtet werden kann.

Wenn man sich das Fahrzeug und seine Beladung heute im Vergleich zum Jahr 1978 ansieht wird man feststellen, dass sich das DMF deutlich verändert hat. Ursprünglich war das DMF orange lackiert und verfügte nur über eine spärliche Sondersignalanlage. Mit einem kleinen, blauen Rundumlicht über der Beifahrerseite und einer elektrischen Tonfolgeanlage versehen, war das DMF relativ schlecht als Einsatzfahrzeug zu erkennen und erinnerte mehr an ein Fahrzeug der Müllabfuhr. Das einzigartige, kernige Motorgeräusch des Fahrzeuges, welches heute bei so manchem für Gänsehaut und Begeisterung sorgt, gab sein übriges. Selbst wenn man, bei laufendem Fahrzeugmotor im Standgas, direkt neben dem Fahrzeug stand, war das Sondersignalhorn kaum zu hören. So wunderte es auch niemanden wirklich, was Anfang des Jahres 2004 geschah. Während einer Einsatzfahrt und unter Verwendung von Sonderrechten wurde ein LKW mit aufgesatteltem Container auf einer langen Geraden überholt. Eine entgegenkommende Fahrerin eines PKW, hat das DMF offensichtlich überhaupt nicht wahrgenommen und setzte ihre Fahrt unverminderter mit hoher Geschwindigkeit in der Fahrbahnmitte fort, obwohl sie in einen Ort einfuhr. Um einen Frontalzusammenstoß zu verhindern, war ein Auffahren auf den Container unvermeidlich, was zu entsprechend hohem Schaden am DMF führte. Nachdem über die Versicherung des Landkreises und der damals noch existierenden Bezirksregierung Braunschweig die technische Reparatur auf die notwendigsten Kosten geklärt werden konnte, erklärten sich die Mitglieder des 3. Zuges der Umweltfeuerwehr bereit das Fahrzeug komplett zu restaurieren und in Feuerrot (RAL 3000) umzulackieren. Dies alles ehrenamtlich in Eigenleistung und selbstverständlich unentgeltlich. Nach annähernd vier Wochen Arbeit war es dann vollbracht. Das DMF wurde komplett zerlegt, wieder zusammengesetzt, die Unfallschäden beseitigt und die neue Lackierung aufgebracht. Zeitgleich konnten einige Umbauten am Aufbau und Veränderungen in der Beladung des Fahrzeuges vorgenommen werden. Hierdurch wurde das DMF besser an die Aufgaben zur modernen Abarbeitung von Gefahrstoffeinsätzen angepasst und ausgerüstet. Durch die Feuerwehrtechnische Zentralen in Northeim und Einbeck wurden im Anschluss an die Reparatur- und Restaurationsarbeiten zur besseren Erkennbarkeit des DMF als Einsatzfahrzeug ein Satz Rundumleuchten und Frontblitzer installiert. Um bei Einsätzen noch besser und möglichst früh als heranrückendes Feuerwehrfahrzeug erkannt zu werden, haben die Mitglieder des 3. Zuges im Jahr 2010 eine mit Druckluft betriebene Einsatzhornanlage beschafft und eingebaut.

Das DMF zählt, trotz seines für Autos und LKW fast schon biblischen Alters von nun mehr 35 Jahren, heute immer noch zu einem der wichtigsten und unentbehrlichsten Einsatzfahrzeuge der Umweltfeuerwehr des Landkreises Northeim. Es ist mit seiner umfangreichen Beladung bei allen Einsätzen mit gefährlichen Stoffen und Gütern erforderlich, nicht mehr wegzudenken und steht bei Einsätzen noch immer in der vordersten Reihe. Nicht zuletzt der isolierte, auch während der Fahrt beheizbare, 1500 Liter Wasser fassende Tank mit der nachgeschalteten Zumischmöglichkeit von Zusatzstoffen, z.B. Tensiden, ist unentbehrlich bei Gefahrgut/stoffeinsätzen und Mineralöleinsätzen. Darüber hinaus verfügt das DMF über eine Abstreueinrichtung z.B. für Ölbindemittel über die gesamte Fahrzeugbreite sowie eine mobile ÖKO-TEC Öl-, Chemikalien bzw. Löschwassersperre von 150 Metern Länge, was das Fahrzeug im südniedersächsischen Raum einzigartig macht. Gerade diese Sperre hat in den vergangenen Jahren z.B. als Löschwasserrückhaltung erstklassige Dienste geleistet. So wurde nicht zuletzt hinsichtlich dieser Eigenschaften u.a. bei einem 12 Stunden dauernden Gefahrstoffeinsatz im Juni 2012 auf der Bundesautobahn A7 in Höhe Parensen alle eingesetzten 50 Chemikalienschutzanzugträger der Umweltfeuerwehr des Landkreises Northeim, des Gefahrstoffzuges Einbeck sowie der Umweltfeuerwehr des Landkreises Göttingen durch das DMF dekontaminiert.

Natürlich steigt altersbedingt immer häufiger der Wartungs- und Reparaturbedarf dieses „Dinosauriers“ im Einsatzdienst. Nur durch die unermüdliche Pflege durch die Kameraden vom 3. Zug der Umweltfeuerwehr und der Feuerwehrtechnischen Zentrale sowie der Unterstützung durch den Landkreis Northeim ist es bis heute möglich, dieses Fahrzeug am Laufen und im Einsatzbetrieb zu erhalten. Da Motor und Mechanik inzwischen einige „Macken“ aufweisen bleibt zu hoffen, dass dieses Fahrzeug noch so lange durchhält, bis es möglichst zeitnah durch eine Ersatzbeschaffung abgelöst und dann in den wohl verdienten „Ruhestand“ geschickt werden kann.

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